Philosophie


Philosophie Lob der Aufklärung - oder - Was ist Philosophie?

Einen Artikel zum Fach Philosophie zu schreiben ist ein Dilemma. Entweder es wird eine trockene Auflistung von Themen und Fachinhalten oder es wird der Versuch etwas darzustellen, was eigentlich nur beim Philosophieren selbst erfahrbar ist. Da dies - wie bei jedem echten Dilemma - zu unauflösbaren Widersprüchen führt, bin ich auf den Gedanken verfallen, diesen Artikel gar nicht selbst zu schreiben, sondern jemand anderen dieses Geschäft erledigen zu lassen. Allerdings konnte ich - ein gängiges Vorurteil über uns Lehrer kräftig unterstützend - es nicht lassen, das fertige Manuskript zu korrigieren und zu verbessern. Ich entschuldige mich darum schon im Vorfeld beim Autor für diesen Eingriff in sein Urheberrecht und hoffe seine Gedanken nicht völlig entstellt zu haben. Wenden wir uns also nun der Beantwortung der Frage zu: Was heißt es zu philosophieren?

Zu Philosophieren ist der Ausgang der Schüler aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne die Leitung von Lehrerfragen, Texten und Aufgabenstellungen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht in einem Mangel an eigenen Ideen, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sie auch ohne die beruhigende Rückversicherung zu vertreten, sie seien im Sinne der geforderten Aufgabenstellung oder der herrschenden Meinung in der Lerngruppe. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Schüler, von dem immer gesagt wird, sie seien durch den Besitz von Smartphones und Internetanschluss längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es den Lehrern so leicht wird, sich zu ihren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem unmündig zu sein. Habe ich ein World-Wide-Web, das für mich Verstand hat, einen Reli-Lehrer, der für mich Gewissen hat, einen Philo-Lehrer, der mir die Welt erklärt, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe es nicht nötig, eigene Vorstellungen von der Welt und dem Leben zu entwickeln, wenn ich nur die richtige website downloaden kann. So werden andere schon für mich das verdrießliche Geschäft übernehmen.

Dass der bei weitem größte Teil der Schüler den Schritt zur Mündigkeit, außerdem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich hält, dafür sorgen schon die Lehrer und Bildungspolitiker, die die Oberaufsicht über ihn gütigst übernommen hat. Nachdem sie ihr Schülermaterial zuerst dumm gemacht haben, indem sie ihm einredeten, dass stures Pauken und virtuoses Surfen im Internet das eigene Denken überflüssig mache, und dadurch sorgfältig verhüteten, dass diese angepassten und ruhigen Geschöpfe aus den von ihnen geplanten Denkwegen ausbrechen: So zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, sollten sie doch versuchen, selbst zu denken. Nun ist diese Gefahr zwar so groß nicht, denn sie würden durch eigene Erfahrungen wohl endlich selbst denken und leben lernen. Allein ein Beispiel von der Art, dass ein Schüler ohne Laptop in der globalisierten Welt verloren sei, macht doch schüchtern und schreckt von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Schüler schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen, und ist vor der Hand wirklich unfähig, selbst zu denken. TIMS-Studien, Zentralabitur und der blinde Glaube an die Bildungskraft der bloßen Information, diese mechanischen Werkzeuge der Herrichtung eines Menschen zu einem folgsamen Schüler, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch selbst in den einfachsten Fragen des Lebens einen nur unsicheren Gang tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun. Dass aber die Schüler sich selbst aufklären, ihr Denken und Handeln selbst in die Hand nehmen, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihnen nur Freiheit dazu lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende sogar unter den Lehrern finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit abgeworfen haben, den Geist der Wertschätzung eines selbstbestimmten Lebens um sich verbreiten werden. Um nun mündig zu werden und über sein Leben selbst entscheiden zu können, wird nichts erfordert als Freiheit: und zwar die unschädlichste unter allem, was Freiheit heißen mag, nämlich die, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlich Gebrauch zu machen, will sagen zu philosophieren.

Nun hört ihr Schüler aber von allen Seiten rufen: Philosophiert nicht! Die Schulordnung sagt: Philosophiert nicht, sondern gehorcht. Die Wirtschaft sagt: Philosophiert nicht, sondern funktioniert. Die Politiker sagen: Philosophiert nicht, sondern passt euch den Wirtschaftsinteressen an. Der Zeitgeist sagt: Philosophiert nicht, sondern konsumiert. Hier findet ihr überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist für das Philosophieren hinderlich und welche nicht, sondern ihm sogar förderlich? Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch der Vernunft muss gerade in der Schule frei sein, denn er allein kann Selbstständigkeit unter den Schülern zu Stande bringen. Der subjektive, voreingenommene Gebrauch derselben jedoch darf öfters eingeschränkt werden, ohne doch darum die Aufgabe, selbst zu denken und das eigene Leben selbst zu gestalten, sonderlich zu behindern. Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft im Philosophieunterricht, wie auch in der Schule überhaupt, die Fähigkeit der Schüler, ihre eigenen Ideen über die Welt und den Menschen frei und verständlich vertreten zu können. Den voreingenommenen Gebrauch nenne ich denjenigen, in dem allein die private Meinung, die bloße Behauptung und das Vor-Urteil schon ausreichen sollen, über die Welt und den Menschen zu urteilen. Darum ist es in vielen Geschäften, die dem freien und gemeinsamen Philosophieren dienen, notwendig, die Schüler durch die Beschäftigung mit Denkmodellen und Texten der großen Philosophen auf den gemeinschaftlichen Zweck des Selbstdenkens zu richten, oder wenigstens von der Zerstörung dieses Zweckes abzuhalten. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, selbst zu philosophieren, sondern man muss sich nach vereinbarten Regeln richten. Ein Schüler kann sich z.B. nicht weigern, die ihm auferlegte Hausaufgabe zu erstellen; es kann sogar eine vorwitzige Ablehnung solcher Auflagen als ein Skandal bestraft werden. Eben derselbe handelt dieser Verpflichtung als Schüler jedoch nicht entgegen, wenn er im Philosophieunterricht wider die Unschicklichkeit oder auch Unsinnigkeit mancher Hausaufgaben öffentlich seine Gedanken äußert. Der Gebrauch also, den Schüler beim Nachvollziehen philosophischer Denkmodelle von ihrer Vernunft machen, ist bloß ein eingeschränkter. Dagegen als Philosophierende genießen sie uneingeschränkte Freiheit, sich ihrer Vernunft zu bedienen, um so durch Verständigung über die Dinge Selbstständigkeit der Person zu gewinnen.

Wenn denn nun gefragt wird: Haben wir eigentlich einen Philosophieunterricht, der den Weg zur Selbstständigkeit garantiert, so ist die Antwort: Nein - aber wohl Philosophiekurse, in denen nicht wenige Schüler viele wichtige Schritte auf dem Weg zum „Selberdenken“ gegangen sind - und Lehrer, die diese Schritte nicht verhindert, sondern nach Kräften befördert haben. Um dies zu unterstreichen, möchte ich allen Schülern, die sich für Philosophie interessieren, ein Wort Immanuel Kants, des großen kleinen Mannes aus Königsberg, dem ich diesen Artikel eigentlich zu verdanken habe, mit auf den Weg geben: „Sapere audete - Habet Mut Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen“ sei der Wahlspruch petrinischer Philosophiekurse.

Axel Vering

Seit einigen Jahren gibt es bei uns am Petrinum das Fach Praktische Philosophie (PP). Es wird zweistündig in der gesamten Sekundarstufe I unterrichtet und die erteilten Noten sind versetzungsrelevant.

Warum ein neues Fach?

Die Welt wird immer komplexer. Das kann jungen Menschen Schwie¬rigkeiten bereiten, eröffnet andererseits aber auch Spielräume für individuelles Handeln. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man sich in der Unübersichtlichkeit verlässlich orientieren kann. Dazu will das Fach PP einen Beitrag leisten.

Wer nimmt teil?

Alle, die nicht den Religionsunterricht besuchen.

Welche Inhalte hat das Fach?

Wer bin ich? Und wie viele? Was unterscheidet mich von einem hoch entwickelten Tier oder von einem intelligenten Roboter? Wie will ich selbst sein? Welche Bedeutung haben andere Menschen für mein Leben? Was darf/soll man tun? Gewissen – was ist das? Welche ethischen Prinzipien erweisen sich in Staat und Gesellschaft, aber auch gegenüber der unbelebten Natur als tragfähig? Gibt es so etwas wie Sinn? Was ist ein glückliches Leben? Wie gehe ich mit Leid und Tod um? Wie glaubwürdig sind die Ant¬worten der verschiedenen Religionen? Was kann ich überhaupt sicher wissen? All diese Fragen und noch ein paar mehr bestimmen den Unterricht. Fragen zu stellen und sich dann auf die Suche nach möglichen Antworten zu machen, das ist ein Kernpunkt des Faches.

Welche Ziele werden verfolgt?

Ziel des Unterrichts ist es, den Schüler*innen Möglichkeiten zu erschließen, die Wirklichkeit in ihrer vielfältigen Dimensionen bewusster wahrzunehmen und zu beurteilen. Dies soll eine sinnvolle Lebensführung und selbstverantwortliches Handeln in einer demokratischen Gesellschaft ermöglichen.

Folgender Auszug aus dem Kernlehrplan praktische Philosophie verdeutlicht die Aufgaben und Ziele des Faches:

„Der Unterricht im Fach Praktische Philosophie richtet sich […] an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Praktische Philosophie trägt zum Bildungsauftrag der Schule bei, der die persönliche, soziale und politische Bildung der Schülerinnen und Schüler umfasst. Das Fach fördert die Entwicklung der Ge-samtpersönlichkeit zu sozialer Verantwortung, zur Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft, zur Orientierung an Grundwerten, zur kulturellen Mitgestaltung sowie zu verantwortlicher Tätigkeit in der Berufs- und Arbeitswelt. […] Zentrales Anliegen des Faches ist es, zur Entwicklung von Kompetenzen bei Schülerinnen und Schülern beizutragen, die sie befähigen, sich systematisch mit Sinn- und Wertfragen auseinander zu setzen, sie bei der Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz anzuwenden und in einer demokratischen Gesellschaft selbstbestimmt, verantwortungsbewusst und tolerant zu leben. […] Das Fach Praktische Philosophie ist auf die zusammenhängende Behandlung von Sinn- und Wert-fragen gerichtet. Während dies im Religionsunterricht auf der Grundlage eines Bekenntnisses ge-schieht, übernimmt Praktische Philosophie diese Aufgabe auf der Grundlage einer argumentativ-diskursiven Reflexion im Sinne einer sittlich- moralischen Orientierung ohne Bindung an eine be-stimmte Religion oder Weltanschauung. Bezugspunkt für die Ausrichtung des Faches ist die Werteordnung, wie sie in der Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen, im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und in den Menschenrechten verankert ist.“
Quelle: Kernlehrplan Sekundarstufe I in Nordrhein – Westfalen, Praktische Philosophie

Wie beurteilen Schülerinnen und Schüler das Fach?

Du hast in der Mittelstufe bereits Erfahrungen mit dem Fach der praktischen Philosophie gemacht und möchtest nun mehr über die Philosophie erfahren, oder möchtest nun anstatt am katholischen oder evangelischen Religionsunterricht teilzunehmen, einmal das Fach Philosophie ausprobieren? Dann dürfte dich das Folgende interessieren, in dem wir dir einen kleinen Überblick über das Fach, die Inhalte sowie den Reiz, den das Fach Philosophie ausmacht, geben möchten.

Was ist überhaupt Philosophie?

Leider ist bereits diese Frage recht schwierig zu beantworten. Aus dem griechischen hergeleitet, bedeutet es etwa „Liebe zur Weisheit“, doch das bringt uns wenig, wenn wir uns darunter nichts Konkretes vorstellen können. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es verschiedene Arten der Philosophie gibt, die sich jeweils mit einer bestimmten Fragestellung beschäftigen und nach einer möglichst zufrieden stellenden Lösung suchen. In deinem Kurs wirst du zunächst eine gründliche Einführung in die Philosophie erhalten, darauf folgen Themen wie Ethik, Rechts- und Staatsphilosophie, Erkenntnis- und Wissenstheorien sowie einige weitere Themenbereiche.

Was macht man in Philosophie?

Anders als in der praktischen Philosophie, die du vielleicht schon aus der Mittelstufe kennst, arbeitest du nun mit Denkmodellen bedeutender Philosophen und versuchst diese zu verstehen und anzuwenden. Ein Bereich, dem du in deinem Philosophie-Kurs begegnen wirst, ist zum Beispiel der Bereich der Ethik. Hier fragt man sich: „Was ist gut?“ und versucht nun, mit Hilfe von verschiedenen Modellen und Denkansätzen, Handlungen von Menschen bewerten zu können. Natürlich gibt es hier verschiedene Standpunkte und Ausgangslagen und so wirst du manchmal überrascht sein, zu welchen Lösungen du kommst. Auch werdet ihr die Herangehensweisen und Denkmodelle selbst kritisch betrachten und im Kurs darüber diskutiert, welche Modelle sinnvoll und welche weniger sinnvoll sind.

Was ist das Tolle an Philosophie?

Wer jetzt glaubt, dass Philosophie nur daraus besteht, kryptische, altmodische Theorien zu bearbeiten, ist für das Fach der Philosophie eindeutig nicht geeignet. Für alle Anderen, die es als Anreiz sehen, selbst über bewegende und komplexe Themen wie Gerechtigkeit oder die Demokratie nachzudenken, ist das Fach eine interessante Herausforderung und eine klare Abwechslung zum sonst manchmal eintönigen Schulalltag. Während man in der Mathematik brav Formeln lernt und in Deutsch oder Englisch allenfalls einen guten Interpretationsansatz zu einem zu bearbeitenden Text findet, stellt man sich in Philosophie nie die berüchtigte Frage, warum man sich damit beschäftigt: Man findet sich jederzeit in den Theorien und Denkmodellen wieder und entwickelt so einen ganz neuen Blick auf Sachverhalte und Ereignisse aus dem Alltag.