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Lateinunterricht: Spezialtraining fürs Köpfchen

In der modernen Didaktik wird oft die Forderung nach einem problemorientierten Unterricht erhoben, in dem die Lernenden mit Problemen konfrontiert werden, an diesen Problemen Lösestrategien entwickeln und diese Strategien anwenden. In diesem Sinne ist Lateinunterricht nichts anderes als ein problemorientierter Unterricht in Reinform. Denn dort sehen sich die Lernenden stets mit dem Problem sukzessiv komplexer werdender fremdsprachiger Texte konfrontiert, deren Sinngehalt es durch die Entwicklung und Anwendung von Übersetzungsstrategien zu entschlüsseln gilt.

A. Rodin: Der Denker, 1880-1882

Die Problemlösung entwickelt sich dabei vom Einfachen zum Komplexen, dass heißt von den Formen und syntaktischen Strukturen zum Textganzen. Über die Denkoperationen Identifizieren (jedes Satzelement an seinen Signalen erkennen), Analysieren (jedes Element als Träger einer Funktion bestimmen)  und Synthetisieren (die Elemente gemäß ihrer Funktion stimmig kombinieren) gelangt man zu einer Übersetzung. Alle drei Schritte erfordern im Fall der lateinischen Sprache, in der in einzelnen Buchstaben zentrale Informationen kodiert sind, ein mikroskopisches Lesen, also ein Vorgehen, bei dem jedes Details wie unter dem Mikroskop betrachtet wird.

Dieses Grundmuster der Problemlösung im Lateinunterricht erfordert und fördert folglich durch sukzessiv ansteigende Leistungsanforderungen in besonderem Maße die Fähigkeiten,  genau zu beobachten, exakt zu unterscheiden, stimmig zu kombinieren, also aus den Beobachtungen die richtigen Schlüsse zu ziehen, komplizierte Zusammenhänge zu überblicken sowie zielstrebig und mit Ausdauer an der Lösung eines Problems zu arbeiten.

Insofern kann Latein wohl zurecht als Spezialtraining fürs Köpfchen oder, um eine Wendung des renommierten Münchener Altphilologen Manfred Fuhrmann zu entlehnen, als "Trimm-dich-Pfad des Geistes" angesehen werden, in dem Qualitäten ausgebildet werden, die jeder benötigt, der es in Studium oder Beruf zu etwas bringen will. Verständlicherweise stellt daher für den Altpräsidenten Roman Herzog in seiner 2001 gehaltenen Ansprache anlässlich der Verleihung des Humanismus-Preises des deutschen Altphilologenverbandes "eine intime Kenntnis des Lateinischen" für künftige Studenten ein "hervorragendes Denkpropädeutikum" dar.